Automatisierte Produktion bei KUKA AG. © KUKA AG
Automatisierte Produktion bei KUKA AG. © KUKA AG

Ein Gespräch mit Dr. Till Reuter, Vorstandsvorsitzender der KUKA AG.

Herr Dr. Reuter, „das Internet der Dinge“, das Schlagwort, das zurzeit alle Branchen bewegt, ist ohne Roboter nicht denkbar, oder?  

Der Roboter nimmt bei Industrie 4.0 eine Schlüsselrolle ein – als Schnittstelle zwischen der realen und der digitalen Welt. In der Smart Factory tauscht der Roboter Daten mit anderen intelligenten Systemen und Maschinen aus, sendet und zieht Produktionsdaten aus der Cloud. Auch die Flexibilität, die der Roboter in die Produktion bringt, wird in Zukunft immer wichtiger, da die Anforderungen an die moderne Fertigung steigen. Es wird immer mehr nach individuellem Kundenwunsch produziert. Wir brauchen eine flexible Produktion und autonome, intelligente Roboter, die in der Lage sind, mit dem Menschen Hand in Hand zu arbeiten.  

„Autonome, intelligente Roboter“ – das klingt ein bisschen nach Science Fiction?  

Die Roboter sollen die Ergebnisse ihrer Arbeit selbstständig überprüfen, optimieren und dokumentieren können. Sie sollen zum Beispiel merken, wenn sie auszufallen drohen und dann selbstständig ein Ersatzteil bestellen. So werden Ausfallzeiten und damit Kosten reduziert. Die intelligenten Systeme werden immer mehr in der Lage sein, bestimmte Aufgaben selbständig zu erfüllen und autonom auf Einflüsse zu reagieren, indem sie Rückschlüsse aus verschiedenen Datenzusammenhängen ziehen. 

Mobile Roboter für die Lagerlogistik 

Auf der Hannover Messe waren bei Ihren Industrie 4.0-Lösungen neben dem sensitiven Leichtbauroboter LBR iiwa, der mit dem Menschen zusammenarbeiten kann, auch mobile Systeme im Einsatz. Aber es geht noch weiter?  

Das Ziel ist, dass der Roboter den Menschen in immer mehr Bereichen unterstützen kann. Wenn ein sensitiver Roboter, wie LBR iiwa, zum Beispiel durch ein Visionsystem „sehen“ kann, dann kann er wieder ganz neue Aufgaben übernehmen, beispielsweise Gegenstände aus Kisten entnehmen oder verpacken. Ein wichtiger Aspekt ist die Mobilität, damit wird er quasi zum Multitalent. Kann er von A nach B fahren, ist es möglich, dass er Dinge aus Regalen nimmt und zum Packplatz bringt.  

Das eröffnet gerade in der Lagerlogistik ganz neue Anwendungsgebiete. In unserer Roboterproduktion unterstützt unser mobiler KMR iiwa. Er navigiert autonom durch die Produktion und beliefert die Werker an ihren Arbeitsplätzen mit Material, wie z. B. Schrauben. Er entnimmt die Boxen aus dem Lagerregal, hält sie an einen QR-Code Scanner und erkennt so deren individuelle Zielpositionen. Das heißt, die Box sagt dem Roboter, was mit ihr zu tun ist. Außerdem wird der Lieferant kontinuierlich über den Bestand informiert.  

Die Übernahme der Swisslog hat damals für Aufregung gesorgt. Gehört das zur Philosophie der Diversifizierung?  

Als wir Ende 2014/Anfang 2015 die Swisslog übernommen haben, war sie etwa so groß wie KUKA im Jahr 2009. Das war ein großer Schritt. Die Idee dahinter lautete: KUKA ist groß in der Automatisierung der Produktionswelt, Swisslog ist stark in der Automatisierung der Logistik-Welt. Und wir sehen, dass diese beiden Welten zusammenkommen. Denn die gesamte Wertschöpfung verändert sich und dabei gewinnt die Logistik enorm an Bedeutung. 

Kundenwünsche verändert Produktion und Logistik 

Nehmen wir ein Beispiel wie die Produktion von Sportschuhen: Wenn Sie heute Schuhe kaufen wollen, gehen Sie wohl in ein Fachgeschäft. Die Hersteller produzieren zum Großteil in Asien, von dort aus werden die Schuhe per Schiff in die Kaufhäuser gebracht und verkauft. Bei unserem heutigen Konsumentenverhalten geht das nicht mehr. Denn die Kunden gehen ins Internet und gestalten sich ihren individuellen Turnschuh – mit grünen Streifen oder blauen Punkten.  

Die Kundenwünsche spielen also direkt von außen in die Produktion hinein. Die Online-Kunden von heute wollen die Ware auch nicht erst in sechs Wochen geliefert bekommen, sondern sofort! Das verändert natürlich die gesamte Produktion und Logistik.  

KUKA ist heute in sehr vielen Branchen präsent, von der Logistik über Aerospace bis hin zu Healthcare. Zugleich ist das Unternehmen immer mehr ein Global Player geworden. Auch das Teil der angesprochenen Stabilisierung?

Regional gesehen ist ganz klar Asien der Treiber für uns. Insbesondere der chinesische Markt ist ein bedeutender Wachstumsmarkt für die Automatisierung. Die Roboterdichte ist dort noch sehr gering. Bisher sind nur 30 Industrieroboter je 10.000 Arbeitnehmer in der verarbeitenden Industrie im Einsatz. In Deutschland ist die Roboterdichte fast zehn Mal so groß. Aber auch Europa und die USA sind weiterhin wichtige Absatzmärkte für uns. 

Der sensitive Roboter LBR iiwa. © KUKA AG
Der sensitive Roboter LBR iiwa. © KUKA AG

E-Commerce – Wachstumspotenzial für die gesamte Logistikbranche 

In der Logistik sehen Sie vor allem im E-Commerce ein wichtiges Wachstumsfeld für KUKA?  

Die Autoindustrie hat erfolgreich an ihren Innovationen gearbeitet, um die Margen zu erhöhen. Der E-Commerce-Sektor bietet viel Potenzial, weil er kaum automatisiert ist. Dazu ein Beispiel: Bei einem Online-Versandhändler müssen innerhalb kurzer Zeit Produkte in Regalen zusammengesucht, zur Packstation gebracht und versendet werden. Dieser Prozess lässt sich automatisieren. Wir sind daran, E-Commerce im Bereich der Logistik zu optimieren. Darin steckt ein enormes Wachstumspotenzial – für KUKA, aber auch für die gesamte Logistikbranche.  

In den 1980er-Jahren warb IBM damit, dass Computer die Arbeit machen, die man keinem Menschen zumuten kann. Gilt das jetzt auch für Ihre Roboter?  

Tatsächlich sind Ergonomie, Arbeitssicherheit und Effizienz wesentliche Faktoren für den Einsatz. Man denke nur an Überkopfarbeiten, die für Menschen äußerst anstrengend sind und immer wieder Pausen erfordern. Gleiches gilt für schwere Bauteile, Arbeitsplätze in gesundheitsgefährdender Umgebung usw.  

Trotzdem gibt es immer wieder kritische Stimmen, die vor dem drohenden Verlust von Millionen Arbeitsplätzen warnen – auch in Europa?  


Die menschenlose Fabrik wird es nach meiner Auffassung nicht geben.

Durch Industrie 4.0 und verbesserte Roboter werden mindestens ebenso viele neue Jobs entstehen wie alte verschwinden.

Der Roboter führt standardisierte Arbeitsschritte durch, die für den Menschen körperlich sehr anstrengend, nicht-ergonomisch oder gefährlich sind.  

Der Mensch konzentriert sich auf Tätigkeiten, bei denen seine überlegene Kreativität oder seine Fähigkeit, mit Ausnahmen oder selbst kleinen Abweichungen umzugehen, notwendig sind – und die werden selbst in der intelligentesten Produktionsanlage vorkommen. Erst in der Zusammenarbeit von Mensch und Roboter wird eine Fabrik smart.  

Und schauen Sie sich die demografische Entwicklung an, sicher ein für die Zukunft ganz entscheidender Faktor: Es gehen mehr Menschen in den Ruhestand als junge Menschen nachkommen. Diese Lücke könnten Roboter füllen. Roboter könnten ältere Menschen bei der Arbeit entlasten und deren Gesundheit erhalten.  

Als Sie 2009 Vorstandsvorsitzender geworden sind, drohte KUKA bekanntlich der Konkurs. Inzwischen ist der Umsatz von seinerzeit 900 Mio. Euro auf rund 3 Milliarden Euro gestiegen. Wie kam es eigentlich damals zu der Entscheidung?  

Das war ursprünglich gar nicht so geplant, wir waren als Beteiligungsgesellschaft mit 25 Prozent bei KUKA vertreten. In den Turbulenzen sind damals der Vorstand und der Aufsichtsrat zurückgetreten, jemand musste die Führung übernehmen. Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat hatte mich gebeten, operativ tätig zu werden und seitdem arbeiten wir sehr gut zusammen. Seinerzeit ging es in erster Linie darum, das Unternehmen zu stabilisieren und um die Finanzierung.  

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Dr. Till Reuter, Geschäftsführer von KUKA AG

Dr. Till Reuter (49) ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der KUKA AG, dem Spezialisten für roboterbasierte Automatisierung. Dem Traditionshaus, 1898 von Johann Josef Keller und Jakob Knappich in Augsburg als Acetylenwerk gegründet und als wichtiger Innovator von Schweiß-technik, Anlagenbau und Robotik tätig, drohte damals der Konkurs. Seither gelang dem ehemaligen Marathonläufer Reuter eine einzigartige Erfolgsstory. Mit dem Kauf der Schweizer Logistik-Größe Swisslog arbeitet das Unternehmen jetzt auch verstärkt an Automatisierungslösungen für die Logistik. Das chinesische Unternehmen Midea besitzt jetzt die Aktienmehrheit von KUKA.


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